DENKMALSCHUTZ IN DRESDEN

Dipl. hist. Steffen Kirschner Amt für Kultur und Denkmalschutz Dresden

ALS GEORG DEHIO (1850 - 1932)* im Jahre 1905 in seiner Straßburger Festrede Grundsätze der Denkmalpflege darlegte, verwies er auf den sich wandelnden Inhalt des Begriffes "Denkmal". Ehemals verstanden als Kunstwerk, das mit der Absicht neu geschaffen wurde, um bestimmte Erinnerungen, meist an Personen, festzuhalten, mahnte er ein viel umfassenderes Verständnis für den Begriff "Denkmal" an; nämlich historische Gebäude als Träger sowohl ästhetischer und künstlerischer als auch historischer Merkmale zu begreifen, deren Werte möglichst dauerhaft erhalten werden sollten.

DIE HEUTIGEN LANDESDENKMALSCHUTZGESETZE definieren Kulturdenkmale allgemein als von Menschen geschaffene Zeugnisse der Vergangenheit, deren Erhaltung im öffentlichen Interesse liegt. Das Denkmal birgt in seiner Einzigartigkeit Informationen, die uns befähigen, historische Ereignisse und Prozesse einzuordnen und zu verstehen. Nur sein authentischer Erhalt ermöglicht es, neue Fragen, die zukünftige Generationen an die Geschichte stellen werden, beantworten zu können. Der Erhalt des Originals als Quelle von Information ist somit vordergründige Aufgabe des Denkmalschutzes, insbesondere in einer sich schnell verändernden Welt. Dabei bezieht sich dieser Schutzauftrag nicht nur auf das Original an sich, sondern auch auf seine Umgebung, in der es seine Wirkung entfaltet.

IM STADTGEBIET DRESDEN gibt es ca. 13.000 Kulturdenkmale, acht Denkmalschutzgebiete und knapp 200 Sachgesamtheiten. Hinzu kommen 461 archäologische Denkmale, 213 Grabungs- und 193 archäologische Fundstellen. Zu den Kulturdenkmalen gehören auch etwa 200 Garten- und 300 Industriedenkmale. Damit hat sich die Zahl der Denkmale im Vergleich zu den vor 1989 erfassten ungefähr verzehnfacht. Den dichtesten Bestand an Kulturdenkmalen weisen die im Zweiten Weltkrieg am wenigsten zerstörten Gebiete Dresdens auf.

DAS KERNGEBIET DER GARTENSTADT HELLERAU mit Kleinhaus- und Villenviertel hat ebenso wie die von 1928 bis 1938 errichtete Großsiedlung in Trachau eine Denkmaldichte von fast 100 Prozent. Aber auch die Äußere Neustadt, eines der deutschlandweit größten, geschlossenen Gründerzeitgebiete, besitzt eine Denkmaldichte von ca. 80 Prozent. Das älteste hochbauliche Denkmal ist die Christophoruskirche in Wilschdorf (Abbildung unten links, Juni 2005) aus dem ersten Drittel des 13. Jahrhunderts, das jüngste Denkmal die 1977 errichtete Neue Mensa der TU Dresden an der Bergstraße (Abbildung unten rechts, September 2011).

DIE DRESDNER BODENDENKMALE, also im Boden versteckte Überreste vor- und frühgeschichtlicher Zeit (vom Paläolithikum bis ins späte Mittelalter), sind in gesonderten Denkmallisten und -karten erfasst. Fast alle unsere "Stadtdörfer" sind archäologische Denkmale, ebenso Wehranlagen, Gräberfelder, Grabhügel und Steinkreuze. Seit 1989 hat die Bodendenkmalpflege einen großen Beitrag zum Verständnis der frühen Dresdner Siedlungs- und Stadtgeschichte geleistet.

IM GEGENSATZ ZUR DDR-DENKMALLISTE unterscheidet das seit 1993 geltende Sächsische Denkmalschutzgesetz nicht nach Bedeutungsgrad. Damit ist gesichert, dass Denkmale einer vermeintlich geringeren Bedeutung langfristig nicht der Gefahr ausgesetzt sind, aufgegeben zu werden.

DAS ERFASSEN VON DENKMALEN und Führen der darüber zusammengestellten Listen obliegt dem Landesamt für Denkmalpflege, das für die fachlich-wissenschaftliche Arbeit zuständig ist. In den Jahren von 2000 bis 2010 sind von der Abteilung Denkmalschutz in Dresden 15.483 Stellungnahmen bzw. Genehmigungen erarbeitet worden.

ZIRKA 90 PROZENT DES DENKMALBESTANDES der Stadt Dresden wurden seit 1989 saniert oder modernisiert. Erhalt und Sanierung der letzten 10 Prozent werden sich schwierig gestalten. Während in den 1990er Jahren Sanierungen vorwiegend an ungeklärten Eigentumsverhältnissen oder Restitutionsansprüchen scheiterten, sind die Gründe für gegenwärtige Denkmalbrachen hohe Investitionskosten und schlechte Verwertbarkeit. Während die erstgenannten Gründe sich mit fortschreitender Zeit erledigen, bleiben die zuletzt genannten präsent und verstärken sich.

SO SIND FÜR DAS SCHLOSS IN ÜBIGAU und für das Sachsenbad in Pieschen keine schlüssigen Investitions- und Nutzungskonzepte vorhanden. Gleiches gilt für einige Industrieanlagen wie beispielsweise die ehemalige Mälzerei in Niedersedlitz, das Schokopack-Verwaltungsgebäude auf der Breitscheidstraße in Reick oder einige größere ehemalige Gasthöfe. Die beginnende Investitionstätigkeit im Lahmann-Sanatorium am Weißen Hirsch und erfolgreiche Sanierungen in letzter Minute, wie die des ehemaligen Hotels "Edelweiß" in Leubnitz-Neuostra oder des Straßenbahnhofes in Mickten, lassen hoffen und verpflichten Eigentümer und Behörden gleichfalls, Abbruchvorstellungen nicht vorschnell zu entsprechen.

IM LAPIDARIUM IN DER RUINE DER ZIONSKIRCHE werden über 3.000 Einzelstücke wie Architekturfragmente, Skulpturen, Brunnenfragmente usw. aufbewahrt und von Mitarbeitern des Amtes dokumentiert. Nach Restaurierungen konnten einige Teile, zum Beispiel bei der Fassadengestaltung von Häusern am Neumarkt, einer Wiederverwendung zugeführt werden.

SECHSUNDZWANZIG EHRENAMTLICHE DENKMALPFLEGER leisten nicht nur regional- und baugeschichtliche Forschungsarbeit, sondern werden zum Beispiel durch Publikationen, Ausstellungen und Vorträge in der Öffentlichkeit wirksam. Ihre fleißige Mitarbeit trägt wesentlich dazu bei, Denkmale, ganz im Sinne Georg Dehios, als Werteträger und nicht als Huldigungsobjekte zu erfahren.

* deutscher Kunsthistoriker, gilt als prägend für die Wahrnehmung der Kunst und als höchst einflussreich auf die Konzeptionen der modernen Denkmalpflege.